9. Internationale Konferenz für Militärsteuerverweigerung und Friedenssteuerinitiativen

Nur eine Schrippe

von Wolfgang Janisch

Wenn ein Krieg vorbei ist, wenn kein Schuß mehr fällt, dann ist so ein Krieg noch lange nicht vorbei. Was bleibt, ist Not und Elend, sind zerstörte Dörfer und Städte, Ruinen, Ruinen und immer wieder Ruinen. Darin zu leben, sie ständig vor Augen zu haben und doch den Willen zum Überleben aufzubringen, alle Mutlosigkeit, die die Seele immer wieder heimsucht, zu überwinden, ist eine Leistung, die mit nichts anderem an Kraft und Können zu vergleichen ist. In guten Zeiten ist vieles leichter zu meistern als das nackte Überleben in Zeiten großer Not.

Was ein solches Inferno außerdem noch hinterläßt, oft im Verborgenen, in der Erde, unter Schutt begraben, achtlos liegengelassen, von den zurückweichenden Heeresverbänden nutzlos aufgegeben, um die eigene Haut zu retten, das sind Unmengen an Munition. Aus bestem Material, der Erde einst entrissen, nur für die Zerstörung mit großem Können und Sachverstand entwickelt und hergestellt. Welch ungeheure Schizophrenie.

Wir Jungs entdeckten die ausgebrannten Mauern als Abenteuerspielplatz.

Noch heute habe ich die flammend rote Schrift vor Augen: VORSICHT ! MUNITION !

Wie ein Menetekel stand sie da an der Ruinenwand. Doch Kinder unterschätzen die Gefahr. Zu groß ist die Faszination, die ein Verbot ausübt. Meistens verkehrt sich ein solches ins Gegenteil.

In diesem Zusammenhang denke ich an eine tragische Geschichte aus jenen Nachkriegstagen: Der zwölfjährige Sohn unserer Drogistin und einige andere Jungs hatten eine zweizentimetergranate gefunden und abenteuerlustig warfen sie dieses Ding, jedes Verbot mißachtend, aus dem Fenster im ersten Stock des Hauses aufs Pflaster. Mal warf der eine, der andere holte das Geschoß wieder herauf. Jeder kam mal dran. Ein Spiel, das immer mehr Spaß machte. Als der Zwölfjährige das harmlos scheinende Spielzeug aufheben wollte, explodierte es.

Der Unterleib wurde ihm aufgerissen. Verzweifelt preßte er mit den Händen das herausquellende Gedärm gegen den Bauch. Ohne einen Mucks stand er vor seiner Mutter. Wie oft hatte sie ihm eingetrichtert, nicht mit Fundmunition zu spielen. Wie oft! Immer und immer wieder: „Heule mir nicht die Ohren voll, wenn etwas passiert, weil Du nicht hören konntest.“

Er hielt Wort! Er starb lautlos nach kurzer Zeit. Ein junges hoffnungsvolles Leben war ausgelöscht. Und der Krieg war lange vorbei.

Aber zu all dem Bösen gesellt sich noch ein weiterer übermächtiger Verbündeter. Das ist der Hunger. Er zerrt im Gedärm in nicht enden wollender Qual. Langsam zerstört er den Körper, tötet den Geist.

Eine einfache wäßrige Suppe aus Unkräutern und Brennesseln ohne Salz, ohne Fett, ohne einen Krümmel Fleisch erschien uns damals wie ein Festschmaus im Paradies. Eine trockene Scheibe Brot, wenn man sie bekam, schmeckte wie die schönste Sahnetorte. Die einfachen Bedürfnisse des Körpers zu befriedigen kostete alle Kraft, alle Zeit und hohe Erfindungsgabe. Kam das Körperliche wieder zu Kräften, fand auch die Seele wieder Labsal. Kaum mehr begreift man die engen Zusammenhänge zwischen Körper und Geist als in Zeiten des ungewollten Verzichts, in Zeiten größter Not. Alles Gold der Welt ist nur billiger Tand gegen eine einzige Schrippe, wenn der Hunger daherkommt in klappriger Gestalt.

Da erzählte eine ältere Frau, ein Kind noch in jenen Tagen, von den ersten Schrippen, die in der Schule verteilt wurden. Fehlte ein Kind, dann blieb eine Schrippe über. Sie wurde an ein anderes weitergereicht.

Die Hoffnung, ein zweites Mal in den Genuß solcher großer Köstlichkeit zu gelangen, disziplinierte den Körper in seltsamer Weise. Das Rückgrat drückte sich immer mehr durch. Gerader, immer gerader saß das Kind, höher und höher wuchs es aus seiner Bank. Fester und fester falteten sich die Hände und braver, immer braver lagen die Arme auf der Schreibfläche. Die Augen wurden größer, immer größer von der Sehnsucht nach einer Schrippe mehr, nach einem bescheidenen Stückchen Gebäck, das ganz einfach nur weniger Hunger bedeutete.

Es war der glücklichste Moment, wenn die Lehrerin soviel Artigkeit belohnte und die Schrippe in die ausgestreckten Hände steckte.

Beim nächsten Mal wurde ein anderes Kind bedacht. In jenen Tagen war das Empfinden für gerechtes Teilen noch nicht verkümmert wie viele Jahre später in den Zeiten der Sattheit, wo eine Schrippe achtlos in den Schmutz der Gosse landete.

Mögen diese Zeiten nie wiederkehren!

Die Not aber war uns eine große Lehrmeisterin. Sie machte nicht nur erfinderisch, sie half uns, die einfachsten Dinge als etwas von hohem Wert in unserem Bewußtsein zu bewahren.