11. Internationale Konferenz für Militärsteuer-Verweigerung und Friedenssteuer-Initiativen - Woltersdorf bei Berlin, Deutschland 2006

Ilsegret Fink „Verantwortung“ aus biblischer Sicht

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I. Zum Wort und Begriff „verantworten, Verantwortung“ zuerst einige Stichworte, die in der Diskussion ergänzt werden müssen.

  1. Im christlichen Abendland stammt der Begriff Verantwortung, zur Verantwortung ziehen, aus der spätmittelalterlichen Gerichtssprache. Es geht um bereits begangene Taten. Jeder Erwachsene kann aufgefordert werden, sich für seine Taten vor einem Repräsentanten der Rechtsgemeinschaft zu verantworten: Vor Gott und der Menschengemeinschaft. Er/sie muss sich dem Urteil durch Kirche und Staat fügen - oder sogar „beugen“. Eine folgenschwere Form kirchlicher Rechtssprechung war die Inquisition.
  2. Nach heutigem Verständnis geschieht Verantwortung in dreifacher Relation: Jemand (1) ist für etwas gegenüber einer Person oder Instanz (2) verantwortlich. Dieses bezieht sich heute sowohl auf die Vergangenheit wie auf die Zukunft (3).Der Ausgang - das Ergebnis von tätiger Verantwortung - ist aber ungewiss, weil die drei Relationen zugleich multikausale Bedingungen auch für das Misslingen von wahrzunehmender Verantwortung darstellen.
  3. Seit der „Aufklärung“ im christlichen Abendland und der Akzeptanz der Zivilgesellschaft ist Verantwortung nicht länger an die Instanz Gott und das Verantwortungsverständnis der Kirchen gebunden. Das Autonomie-Denken bedeutet, dass jeder Mensch vor sich selbst und der Gemeinschaft verantwortlich ist. Das Gesetz formuliert die verbindliche Bewertung von Gut und Böse. Alle Möglichkeiten der Kindererziehung sollen diese Bewertungen vermitteln und das eigene Gewissen prägen. Das gilt für die Familien, die Schulen und kulturelle Einrichtungen. Das eigene Gewissen gilt als Instanz der persönlichen Verantwortung, die mit dem Gesetz in Übereinstimmung ist oder aber in Konflikt gerät.
  4. Verantwortung zu tragen ist eine zu erlernende und keine angeborene Lebensäußerung. Sie erfordert Konfliktbewußtsein und Konfliktfähigkeit. Verantwortung ist an Kenntnisse, Einsicht, Verständnis und persönliche Einsatzbereitschaft gebunden. Wegen dieser Zusammenhänge kann Verantwortung auch nicht mehr über Gehorsam eingefordert werden, wie es „christliche Gesellschaften“, die sich auf die Autorität Kirche gestützt haben, getan haben.
  5. Der Einzelne ist/kann in unterschiedlichen Zusammenhängen gleichzeitig verantwortlich sein. Das bringt Konflikte durch abzuwägende Entscheidungen. Verantwortung ist nicht nur an persönlich moralische Überzeugung gebunden, sondern kann auch durch Stimmung des Augenblicks beeinflusst werden. Gewissensentscheidung kann in persönlicher Verantwortung auch im Gegensatz zu gültiger Rechtssprechung stehen, z.B. Widerstand im Faschismus oder heute „Asyl in der Kirche“.
  6. Persönliche Verantwortung kann durchaus im Gegensatz zur öffentlichen Meinung stehen. Vor allem für Jugendliche, die emotional stark in eine Gruppe eingebunden sind, ist eine persönliche Gewissensentscheidung möglicherweise eine konfliktträchtige Herausforderung der Gruppe gegenüber. (z.B. persönliche Positionen in Fragen von Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Entscheidung für oder gegen Militärdienst)
  7. Zum Thema Verantwortung gibt es eine breite kontroverse Diskussion. Wenig bekannt ist heute, dass vor der staatlichen „Duldung“ der ersten Christengemeinden durch Kaiser Konstantin (325 n.Chr.) Militärdienstverweigerung zur christlichen Verantwortung gehörte. Es galt als „unverantwortlich“ mit dem persönlich geleisteten militärischen Eid die PAX ROMANA als Friedenschaffen durch das Schwert zu akzeptieren. Weil die Christen Frieden als Frucht von Gerechtigkeit verstanden, akzeptierten sie die römische Sklavenhaltergesellschaft nicht, auch nicht ihr Militär.
  8. Als Beispiel dafür, dass das Thema Verantwortung einer gründlichen Diskussion bedarf, zitiere ich aus der Brockhaus-Enzyklopädie Band 23, 1994, „Verantwortung“: „…da das moral. Gewissen des Menschen nicht in gleichem Maße gewachsen ist, wie seine Fähigkeit zu tun (Walter Jens), erhebt sich nämlich die Frage, ob im Lichte dieser Einsicht der Mensch nicht schon alleine deswegen für die Folgen seines Handelns verantwortlich ist, weil er nicht verzichtet zu tun … Dies befreit die Entscheidungsträger jedoch nicht davon, im Rahmen ihrer historisch gewachsenen Lebenswelt alles zumutbare zu tun, um von ihren Entscheidungen ausgehende Gefahren zu erkennen und zu berücksichtigen.“ Unter dem im Brockhaus folgenden Stichwort „Verantwortungsethik“ folgt der Hinweis, dass Max Weber diesen Begriff eingeführt habe für eine Ethik, die, zwischen „Gesinnungsethik und Erfolgsethik“ die Sittlichkeit in der konkreten Situation verantwortlich zu verwirklichen lehrt … Die Kategorie der Sittlichkeit, so scheint es mir heute, ist eine sehr kompliziert zu diskutierende Norm, da sie religiöse, kulturelle und parteipolitische Aspekte bis hin zur Unvereinbarkeit unterschiedlicher Praktiken beinhaltet.

II. Jetzt erst komme ich zu dem mir aufgetragenen Thema „Verantwortung aus biblischer Sicht“.

  1. Es sind Thesen, die in Jahrzehnten gemeinsamen kritischen Bibellesens entstanden sind im Kontext der Theologie der BEKENNENDEN KIRCHE - während des Faschismus in Deutschland BK genannt. Führende Namen sind Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer. Seit den 80iger Jahren ist die aktuelle Diskussion in und um die Theologie der Befreiung, speziell aus Lateinamerika, für mich immer verbindlicher geworden.
  2. Leider haben die Metaphern der Bibelinterpretation und nicht der Zusammenhang und Inhalt der biblischen Texte das christliche Abendland geprägt. Die Folgen sind bis heute gravierend. Unkenntnisse und Fehlinterpretationen von biblischen Texten haben, weil sie ihren Platz in der klassischen Literatur gefunden haben, eine schwer zu bestreitende Autorität bekommen. Auch die Reformation konnte biblische Inhalte nur territorial in protestantischen Regionen neu interpretieren, schließlich wurde die Entscheidung über katholische oder protestantische Bibelinterpretation in den Fürstentümern von deutschen Königreichen mit Waffengewalt entschieden. Aber Angesichts der heute extremen Militarisierung der Kontinente und der sich vergrößernden Abstände zwischen Armen und Reichen und der rücksichtlosen Zerstörung der Natur aus kommerziellen Interessen sind alle Kirchen herausgefordert ihre traditionelle Predigt von der Verantwortlichkeit der Getauften zu überprüfen.
  3. Ich bringe jetzt fünf Beispiele für interessengelenkte Uminterpretation biblischer Texte. Um heute Verantwortung als Christ wahrzunehmen, muss man eine persönliche Urteilsfähigkeit in Sachen Interpretation erarbeiten. Tagungen wie diese sind eine große Hilfe und zugleich Herausforderung.
    1. Der Zusammenhang von Gottes Ebenbildlichkeit der geschaffenen Menschen und ihrer Verantwortung nach 1.Mose 1,24. Die Verantwortung sich die Erde Untertan zu machen ist im Text ausdrücklich Mann und Frau gemeinsam gegeben. Genau das ist aber ein wesentlicher Unterschied der Religion Israels im Vergleich mit anderen Religion und Kulten der sieben Jahrhunderte vor Christi Geburt. Die Gottesrede ist eindeutig mehrfach im Plural überliefert. Die Benachteiligung der Frau in kirchlicher und gesellschaftlicher Hinsicht ist das Ergebnis einer interessengelenkten Uminterpretation des Schöpfungsberichtes. Der „sechste Schöpfungstag“ ist in der als christliche Staatskirche entstehenden Institution durch Übernahme des römischen Patriarchats wissentlich uminterpretiert worden. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau als Schöpfungsauftrag wird im gleichberechtigten Ausruhen mit Gott am Sabbat bestätigt. Aus politischem Interesse wurde das „Ausruhen“ auf den Besuch des Gottesdienstes auch von den Reformatoren reduziert (vergleiche Luthers Kleinen Katechismus zum Feiertagsgebot). Die Kirche war also nicht bereit in sachgemäßer Schriftauslegung für gleichberechtigtes Ausruhen am Sonntag einzutreten, denn das hätte auch alle Sklaven und Leibeigenen betroffen, auch die „Fremden“ die vorübergehend im Lande wohnen.
    2. Der, der Entstehung nach 500 Jahre ältere zweite Schöpfungsbericht, der in unseren Bibeln aber auf der ersten Seite steht, hat eine wichtige sozialgeschichtliche Erweiterung erfahren. Der „Ruhetag für Alle“ ist als siebter Schöpfungstag in die bewahrende Verantwortung der Menschen gegeben: Ausruhen mit Gott gilt für Alle als Menschenrecht. Dieses zu praktizieren ist in jeder Woche ein Tag reserviert. Die Garantie für dieses Menschenrecht ist die Erfahrung der aus Ägypten befreiten hebräischen Sklaven. Sie haben einen kostbaren Teil der Weltschöpfung zu hüten. Aber die christlichen Kirchen haben - sich abgrenzend vom jüdischen Sabbat - sich nicht entschließen können, für diese emanzipatorische Praxis eines wöchentlichen Ruhetages für alle Knechte, Mägde und Fremde eingeschlossen, zu entscheiden. (5. Mose 5,12 bis 15)
    3. Zum Text 1. Samuelis 8,6 ff Die demokratisch gewählten Ältesten der zwölf Stämme Israel (also noch vor der Staatsgründung!) fordern von ihrem Richter- Propheten Samuel, dass er einen König über sie einsetzen möge. Sie praktizieren eine freiwillige Entmündigung. Die Begründung lautet „Wir wollen sein wie andere Völker auch“ und „Er soll unsere Kriege führen“. Samuel nennt ihren Standpunkt einen grundlegenden Irrtum: „Der König wird seine Kriege führen und euch, die ihr aus der Sklaverei Ägyptens durch Gott befreit wurdet erneut versklaven.“ 1. Sam. 8,19 überliefert den freiwilligen Verzicht der Ältesten auf die kollektive, sehr komplizierte Form von Verantwortung in dem 12 Stämmeverbund mit ausdrücklich gewählter Vertretung. Sie verzichten auf die Verantwortung, mit ihrem „Befreier-Gott“ völlig neue befreiende Strukturen für Politik und Alltag zu entwickeln. Sie sollten keine monarchische Strukturen sondern nur Rechtsstrukturen erstellen. Aber sie forderten von dem Richter Samuel, dass er in seiner Autorität als Prophet doch das uralte Königsmodel der unterdrückenden Ausbeutung für sie verbindlich macht. Samuel, so heißt es im Text, beantwortet den Auftrag, dem Volk einen König zu berufen, mit der niederschmetternden Bemerkung: „Wenn sie dann zu mir rufen, wegen der Unterdrückung - werde ich sie nicht erhören.“ Dieser Text, mit der negativen Bewertung von Regentschaft durch Könige im 1. Samuelis, ist im Korpus Christianum bewusst verschwiegen worden.
    4. In dem genannten Text wird Militär, Rüstung und Kriegsführung als Interesse des Königs und nicht als Interesse des Volkes benannt. dass im christlichen Abendland die Insignien der Könige lauteten „König von Gottes Gnaden“ hätte sich an diesem Text kritisch messen lassen müssen. Der Kampf der Kirchen gegen Demokratie und ihre Verteidigung der Monarchie war und ist biblisch also nicht gerechtfertigt. Aber im Vertrauen auf die Unkenntnis der Bibel in den Kirchgemeinden und bei der Bevölkerung konnte im 18. und 19. Jahrhundert mit Hilfe der Kirchen das Interesse der Monarchen bis zuletzt unterstützt werden.
    5. Als fünftes Beispiel gegen verantwortungslose Bibelinterpretation, die kritiklosen Gehorsam befürwortet und die Stabilisierung staatlicher und kirchlicher Hierarchie betreibt, soll der weithin unbekannte Text Jeremia 23,25ff kurz reflektiert werden. Er ist das ausführliche Beispiel dafür, dass den Gläubigen in Israel fünfhundert Jahre vor Christus Religionskritik nicht nur zugemutet wurde, sondern sie geradezu verpflichtet waren, wahre und falsche Propheten unterscheiden zu können. Es geht hier ausdrücklich um die Wahrnehmung von Verantwortung in der Beurteilung von geschichtlichen Ereignissen. Wie sieht Friedenshoffnung nach der vernichtenden Niederlage Judas durch die Babylonier aus? Es ist eine öffentliche Kontroverse zwischen dem Propheten Jeremias und den am Jerusalemer Tempel (in größter Armut) dienenden Priestern und Propheten. Jeremia muss öffentlich im Auftrage Gottes Priester und Propheten kritisieren, weil sie die politische Niederlage durch vorschnelle Friedenshoffnung vertuschen. Jeremia muss verkünden, dass die Priester und Propheten, die ihre Träume predigen, Gottes Namen bei seinem Volk in Vergessenheit bringen. Es hätte niemals eine kirchliche Inquisition geben dürfen, die prominente kritische Geister wie Jan Hus (Prag) öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt hat, wegen seiner Kritik an der Kirche, die er als Theologe und Rektor der Universität geübt hat. Kritik gehört aber zu verantwortlichem Nachdenken darüber, was den Befreier-Namen des Gottes Israel auch heute noch durch christliche Verkündigung möglicher weise in Vergessenheit bringt. Diese eingeübte kritische Verantwortung sollte zum Wesen des Gottesvolkes gehören. Ein gründlicher Lernprozess ist die Voraussetzung dafür, dass das persönliche Gewissen der Geschichte und der Gegenwart verpflichtet ist.

Zusammenfassung:

Nach biblischer Verantwortung fragen, heißt heute auch sehr aufmerksam Informationen darüber zu sammeln, wie in jenen Kontinenten gedacht wird, wo die Christen Nachfahren der vom christlichen Abendland kolonisierten Völker sind. Ich möchte ein Beispiel aus jüngster Zeit zitieren, das zum Thema Verantwortung für mich schon deshalb von großer Bedeutung ist, weil die Delegierten des REFORMIERTEN WELTBUNDES zehn Jahre lang miteinander diskutiert und gerungen haben. Sie wollten angesichts des Sklavenhandels, der ihre Völker nachhaltig ruiniert, wenn nicht sogar ausgerottet hat, die reichen Länder fragen, wie sie in biblischer Verantwortung heute auf den Neokolonialismus und die Praktiken seines Menschenhandels reagieren. Der Text, den die 24. Generalversammlung des REFORMIERTEN WELTBUNDES in Accra/Ghana 2004 gemeinsam verantwortet und verabschiedet hat, ist ein Bekenntnis zur Verantwortung in biblischer Verbindlichkeit heute.

„Anlässlich der Generalversammlung … besichtigten wir die Sklavenverliese von Elmina und Cape Coast, wo Millionen von Afrikanern und Afrikanerinnen zusammengepfercht, verkauft und den Schrecken von Unterdrückung und Tod ausgesetzt wurden. Der Aufschrei „nie wieder“ wird durch die Tatsache heutigen Menschenhandels und fortwährender Unterdrückung durch das Weltwirtschaftsystem Lügen gestraft … Heute sind wir bereit eine Glaubensverpflichtung einzugehen: ... (27) Darum sagen wir Nein zu jeder Theologie, die den Anspruch erhebt, dass Gott nur auf der Seite der Reichen stehe und dass Armut die Schuld der Armen sei. Wir weisen jegliche Formen der Ungerechtigkeit zurück, die gerechte Beziehungen zerstört - Geschlecht, Rasse, Klasse, Behinderung, Kaste. Wir weisen jede Theologie zurück, die vorgibt, menschliche Interessen dürften die Natur beherrschen … Wir bekennen unsere Sünde, dass wir die Schöpfung missbraucht haben und dass wir unsere Aufgabe als Hüter und Bewahrerinnen der Natur verfehlt haben! …“

Ich bitte alle Teilnehmer der Tagung den ausführlichen Text aus Accra gründlich zu lesen, denn er scheint mir ein hilfreiches Exempel für die Wahrnehmung christlicher Verantwortung zu sein. Es ist nun unsere Verantwortung mit diesem in zehn Jahren sorgfältig erarbeiteten Text verantwortlich umzugehen.

Nachbemerkung

Für die Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit habe ich den aphoristischen Stil gewagt, darum verstehe ich die jetzt folgende Diskussion als gleichberechtigten Teil zu meinen Überlegungen und nicht nur als „Ergänzungen“.